Personalausstellung Gudrun Bröchler-Neumann

„Man ist nicht zuerst Mann oder Frau, sondern Maler“ Gudrun Bröchler-Neumann ein Menschenleben in privater Rückschau

Ölgemälde, leicht und verwaschen wie eine Pastellzeichnung, zerklüftete schroffe Landschaften, kretische Berge, Obstplantagen ohne Obstbäume, Wäldchen mit Heiligenschein, Natur abstrakt und realistisch in einem, expressionistische Stillleben die durch ihre Intensität berauschen, einfaches Brot, exotische Früchte, träumerische zerbrechliche Blumenarrangements im Gegenlicht, Aktzeichnungen von schwangeren Frauen, Mutter mit Kind, kantig und weich zugleich, große Wandkeramiken die schuftende Arbeiter beflügelten; durch die Augen der Künstlerin gesehen ein reiches tiefgründiges Leben, ohne Groll, mit Respekt für die Natur und die Menschen, die mit ihren Händen großartiges erschaffen können, so wie sie selbst mit Fleiß viel für die Nachwelt hinterlassen hat.
Der jüngeren Generation mag ihr Name vielleicht nicht geläufig sein, dennoch begegnen uns ihre Arbeiten im Alltag des öfteren, denn das Lebenswerk umfasst tausende von Zeichnungen, darunter unzählige Pastelle, Kleinskulpturen, Webarbeiten, über zweihundertfünfzig Ölgemälde sowie Wandgestaltungen in Betrieben und Schulen (Burg, Luckau, Finsterwalde, etc.).
Aus einer Linie von Künstlern hervorgegangen entschloss sie sich diesem Weg ebenfalls zu folgen. Mit 18 Jahren zur Porzellanmalerin ausgebildet studierte sie bis zu ihrem 24 Lebensjahr an der Hochschule für bildende Künste in Dresden Wandmalerei. Ihre Schaffensorte waren Lübbenau 1961-70, Cottbus 1970-76 und schließlich Sellendorf bei Luckau 1976-2013.
Zu ihrem Geburtstag am 30.6. zeigt die Galerie Ebert eine Ausstellung zum Thema „die Familie in der Kunst“ zum Gedenken an diese bedeutende Lausitzer DDR Künstlerin die zwischen 1937 und 2013 hier lebte. Jana Zadow-Dorr, Tochter und Nachlassverwalterin hat aus dem riesigen Konvolut ganz persönliche Bilder herausgesucht, die nicht nur die Entwicklung des expressionistischen Malstils der Künstlerin zeigen, sondern auch ganz intime Einblicke ermöglichen. Ein Menschenleben in privater Rückschau welches durch die Vielzahl ihrer hinterlassenen Werke wie ein Mosaik aus Einzelmomenten zusammengesetzt werden kann. Eine Video Installation und Auszüge aus ihrem Tagebuch gaben zur Ausstellungseröffnung innere, selbstreflektierte Ansichten über ihr Denken und ihre Schöpfungen wieder:

„Aufzeichnung Golßen, 09.12.74:
Indem ich hier in diesem jämmerlichen Zimmer des Lehrlingswohnheimes sitze und versuche, meine ersten Eindrücke niederzuschreiben, weiß ich, dass ein neuer Abschnitt in meinem Leben begonnen hat. Innerlich habe ich mich schon lange darauf vorbereitet. Ich bin bereit, Neues aufzunehmen und in eine Form zu zwingen. Es muss mir gelingen, das Wahrhaftige zu packen, nachdem in jahrelang Phantasien nachgejagt bin.
Der heutige Tag ist reich an Eindrücken und neuen Namen. (…) In Golßen angekommen, bin ich, nachdem ich kreuz und quer durch das kleine Städtchen gelaufen bin, mit H. N. zur Wassermühle, die Kanower Mühle genannt, rausgefahren, um mein eventuelles zukünftiges Quartier kennenzulernen. Den Weg dahin bin ich schon mal im Sommer gefahren, als wir auf der Jungrinderkoppel waren. Der andauernde Regen hat auch diesen Weg fast unpassierbar gemacht. Überall auf den Äckern, Wiesen und Feldern steht das Wasser. Die Mühle liegt 20 Min. vom Ort weg an der Dahme. Das Erste, was ich im Hause wahrnahm, war ein kräftiger Geruch, der zum Bleiben einlud und alle Dinge, die Menschen natürlich einbegriffen, vertraut machte. Dort werde ich eine Bleibe finden und vor allem viel Ruhe. Diese erste Woche hier ziehe ich es aus mehreren Gründen vor, im Lehrlingswohnheim zu wohnen, aber später bleibe ich in der Mühle. Mara (Hündin) kann ich dorthin mitbringen.
Es ist auch eigenartig, wie schnell das Cottbuser Zuhause mit seinen ganzen Bequemlichkeiten von mir abfällt, sobald ich eine Strecke Weges dazwischen gelegt habe. Ich muss endlich mein eigenes Leben leben können und ich freue mich auf die Arbeit hier.
Heute schon, am ersten Tag, habe ich so viele interessante Gesichter gesehen. Natürlich muss ich erst mal viel, sehr viel und viele Menschen kennenlernen. Den Anfang hab ich schon gemacht, in dem ich mich einfach in die Kneipe gesetzt habe. Ist der Bann erst gebrochen, gibt es keine Schwierigkeiten bei der Verständigung. Natürlich fällt man als einzige Frau auf, aber darauf kann man keine Rücksicht nehmen. Man ist nicht zuerst Mann oder Frau, sondern Maler. Alles rechtfertigt dies und wird letztlich auch akzeptiert.(…)“

Zu DDR Zeiten gab es eine direkte Verbindung zwischen Kunst und Wirtschaft, die Künstler erschufen für den Betriebe Auftragswerke, waren verantwortlich für Wandgestaltungen zu bestimmten sozialistischen Themen, wurde bezahlt und hatte genug Zeit sich ihren eigenen Themen zu widmen. Mit dem Umbruch 1989 gab es keine direkte Einbindung der Künstler in den Staatsapparat und die Wirtschaft mehr. Jeder musste umdenken, was viele Künstler vor große Herausforderungen stellte, aber auch die Freiheit des Reisens bot. Gudrun Bröchler-Neumann entdeckte Kreta für sich, mit ursprünglichen Landschaften, Farben und Gesichtern. Bis zu Ihrem Lebensende diente ihr diese Insel als Inspirationsquelle, genauso wie ihr Garten in Sellendorf. 2013 verschied die Künstlerin. Jana Zadow-Dorr, ihr Tochter kümmert sich seit dem um die Verwaltung des Nachlasses. Die Werke wurden sortiert, fotografiert und werden bald auf der Internetpräsenz http://www.private-kuenstlernachlaesse-brandenburg.de zu finden sein. Der gemeinnützige Verein Künstlernachlässe im Land Brandenburg e.V. der sich 2015 gegründet hat bietet nicht nur Hilfe und Wissen bei der schwierigen Aufgabe die Werke von verstorbenen Künstlern zu sichern. Sondern er richtet sich auch an lebende bildende Künstler, die bei Zeiten ein Werksverzeichnis anlegen möchten, um wichtige Informationen zu Bildern und ihrer Entstehung zu archivieren.

Text: Simone Claudia Hamm

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